Petersdom

Eine kleine Pilgergeschichte



Es begab sich aber zu der Zeit, in einem goldenen Oktober dieses ökumenischen Jahrhunderts, dass eine gemischte Gruppe aus Norddeutschland, aus einer kleinen katholischen Gemeinde und einer ebenso kleinen evangelischen Nachbargemeinde sich aufmachte, Rom, die Heiligen Stätten der Urchristen, Kirchenväter und Taschendiebe zu erobern.
Also bestieg man voller Zuversicht, frohgestimmter Erwartung und ausreichend belegter Brote bei wenig Wind und kühlem Sonnenschein fahrplanmäßig den Eilzug in die nächste große Hauptstadt. Zum Zeichen ihrer ernsthaften Absichten erhielten die Pilger sofort nach der Abfahrt des Zuges eine gut sichtbare und gemeinschaftsstiftende Anstecknadel, ein auserwähltes Gesangbuch, eine bebilderte Broschüre über das Reiseziel und einen Kontrollabschnitt, für den Fall, dass jemand verloren ginge.
Kurz vor der Landesgrenze war es soweit, schon etwas ermattet von der langen Anreise war nicht genug Raum im Schlafwagen für alle, und man versteckte das Gesangbuch und das Pilgerabzeichen und schaffte erst einmal klare Verhältnisse für den nächtlichen Kreuzzug zur gerechten Verteilung der wenigen Zweibett-Abteile.

Gut durchgerüttelt, aber ungebrochenen Mutes ließ man sich dann am Zielbahnhof in Empfang nehmen, mit Kaffee und Croissants stärken und ins antike Rom, in die Welt der stummen Säulen, gigantischen Ruinen und hartnäckigen Mützenverkäufer entführen.
Und dann kam die Zeit, da sie belehrt werden sollten, belehrt über die 324 Kirchen Roms, die Bedeutung der feinen Pinselstriche und kunstvollen Mosaiken, belehrt über die großartigen Baumeister, Maler und Bildhauer, belehrt über die Gräber, Denkmäler und Sarkophage der (längst) verschiedenen Kirchenoberhäupter und belehrt über die Gefahren unerwünschten Fotografierens, unnützer Worte und ungenügender Sommerkleidung.
Und sie scharrten sich zusammen und lauschten, erhoben die Herzen und Köpfe, befühlten den kühlen Marmor, die erhabenen Gold- und Bronzeplastiken, die streunenden Katzen und die vollgestopften italienischen Busse.
Und sie betraten ehrfürchtig allerlei Kirchen am Tag,
und noch eine kleine Kapelle,
und noch einen verlassenen Tempel
und noch einen historischen Dom.
Und sie lauschten und staunten und verwunderten sich und sprachen am Abend frohgestimmt und voller Neugier auf den kommenden Tag dem Weine zu.
Und es waren Führer für die Fremden stets zugegen, in derselben Gegend, auf dem Felde der turbulenten Kirchen- und Kunstgeschichte und im Labyrinth der mehrstöckigen Kapellen, roten Ampeln und überteuerten Restaurants, die hüteten mit Liebe, Fachkompetenz und erhobener Rose ihre kleine Herde.
Aber siehe, der Glanz der Vergangenheit und der Prunk in der Gegenwart traf ihre geöffneten Pilgerherzen und ihre allmählich schmerzenden Füße, und sie fürchteten sich sehr: so viel Macht, so viel Herrlichkeit, so viel Licht und so viel Schatten, wie sollten sie jemals die unverhüllte Wahrheit finden?
Und siehe, ein kleiner Engel trat zu ihnen und sprach: “Fürchtet euch nicht, fahrt nur beruhigt wieder heim und freut euch an dem, was euer ist. Denn jeder Tag hat seine Stunde, jede Wahrheit ihr Rätsel, jeder Heilige seine Verleumdung und die Wege des Herrn sind unergründlich.“
Und er klemmte sich seine goldene Harfe unter den Arm und flog auf die Kuppel des Petersdoms, von wo aus er einen himmlischen Ausblick und einen unbestechlichen Weitblick auf die nächste Papstaudienz hatte. Und während der Heilige Vater sich unaufhaltsam in die Menge schob, stimmte der kleine Engel leise versonnen die Melodie an: “Gott liebt diese Welt...“
Und die 45 im Glauben nun noch mehr erprobten Pilger kehrten erschöpft aber glücklich und reich an Eindrücken, Erlebnissen, Erfahrungen, Fotos und italienischen Lederwaren und gestärkt im Vertrauen auf die bunte Vielfalt der göttlichen Vorhersehung zurück in ihre karge frühwinterliche Diaspora in der nördlichsten Spitze des Landes.
Leicht zerknittert liegt ein unscheinbarer Kontrollabschnitt noch immer zwischen mittlerweile schon leicht vergilbenden Fotos. Ja, es ging wirklich nichts und niemand verloren!

 

Anke Neumann

www.an-design.de