dornbusch

Foto und Information aus Wikipedia

Dictamnus albus, auch Aschwurz oder Brennender Busch genannt.

 

Im Hochsommer gibt die Pflanze so viel ätherische Öle ab, dass sie sich an heißen Tagen entzünden können.

Mit Predigten und predigtähnlichen Texten ist es wie mit alternativer Medizin: Nicht jede ist für jeden gut. Wenn sie das Leben heller macht, ist sie gut, wenn nicht - beiseite legen!

Die Berufung des Mose Ex 2, 23-4

Ansprache zum Fronleichnamsfest 2003

Das Bild vom brennenden Dornsbusch, der nicht verbrennt, hat etwas Faszinierendes. Es ist unwirklich und zugleich sehr lebendig. Man möchte wie Mose näher herangehen und sich das Phänomen genauer anschauen. Ich habe es mit dem Sicherheitsabstand von über 3000 Jahren einmal versucht:
Mose könnte eigentlich froh und dankbar für sein Schicksal sein:
Er ist als Baby vor dem drohenden Tod durch Ertränken gerettet worden, er musste die Knechtschaft seines Volkes nicht teilen und er ist der gerechten Strafe wegen Totschlags entkommen. Er hat beim Priester von Midian nicht nur Gastfreundschaft gefunden, sondern auch in dessen Familie eingeheiratet. Froh ist er aber offensichtlich nicht. Er nennt seinen ersten Sohn „Gerschom“, d.h. „Ödgast“, weil er zu Gast in der Fremde leben muß. Er darf nicht als freier Mann seine eigene Herde hüten, sondern er hütet die Schafe und Ziegen seines Schwiegervaters. Das ist vermutlich trotz aller Lebenssicherheiten eine unbefriedigende Situation für ihn.
Der Mensch lebt eben nicht vom Brot allein!
Menschliches Leben braucht auch Sinn und sinnstiftende Werte (konkret, persönlich gegenwärtig). Was Mose fehlt, ist sicher das Glück, als freier Mann aus eigener Kraft zu leben; auf eigenem Grund und Boden seine Familie zu ernähren und sie durchs Leben zu führen. Vielleicht quält ihn auch die Schuld, im Jähzorn einen Ägypter erschlagen zu haben. Wie der Dornbusch am Wegrand mag Mose sich empfunden haben, ohne Wert, ohne wirkliches Leben. Und so entzündet sich an diesem Symbol seine Berufungsgeschichte: der brennende Wunsch nach Freiheit, das stolze Erbe seiner (einstmals) nomadischen Väter, setzt den Strauch in Flammen. Und er verbrennt nicht. Es ist also möglich, was seine Seele ersehnt, und was plötzlich explosionsartig Gestalt gewinnt, Freiheit für ihn und für ein ganzes geknechtetes Volk.
Eigentlich wünsche ich niemandem die Erfahrung des Mose. Es ist, als ob hier ein Mensch unter Starkstrom steht. Die Begegnung mit Gott scheint mir nicht so ganz unseren TÜV- Vorschriften zu entsprechen. Aber vielleicht müssen wir einmal unsere Vorschriften überprüfen. Es geht hier nicht um ein niedliches kinderbibelfreundliches Frage- und Antwortspiel. Es geht um eine existentielle Entscheidung, wofür Mose, wofür wir leben. Leben wir überhaupt oder werden wir gelebt? Agieren wir, frei und schöpferisch oder re-agieren wir immer nur? Nisten wir uns ein in falschen Sicherheiten oder riskieren wir auch mal etwas, damit unser Leben lebendig bleibt? Sind wir bei uns selbst zu Hause oder leben wir entfremdet?
Bist du überhaupt wirklich da? Lebst du gegenwärtig, geistes-gegenwärtig? Zieh mal deine Schuhe aus, damit du die nackte Wahrheit über dich selbst besser erkennen kannst!
So ein Anruf entzündet uns, er elektrisiert. Wir können nicht näher ergründen, wieso, warum und woher genau er in unser Leben gekommen ist. Er ist eben da für uns Menschen. Wichtig ist unsere Achtsamkeit für diesen Ruf, denn er will unser Leben offensichtlich glühender machen.

Anke Neumann

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